Interview mit der Mainzer Allgemeinen Zeitung/ 28. Juli 2025

Erst Kunsthistorik und BWL studiert, dann als Galeristin, Kulturmanagerin und Kunstpädagogin tätig: Die Nieder-Olmerin Inge Brauburger hat schon viel erlebt. Mit Menschen zusammen zu sein, sich mit ihnen auszutauschen, sie verstehen, über Gott und die Welt zu reden – das war schon immer ihr Ding. Deshalb hat sich die dreifache Mutter im Jahr 2017 als „Kreativ-Koachin“ (das „K“ in Koach für kreativ) selbstständig und damit ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Im Interview mit dieser Redaktion spricht Brauburger über den Stellenwert von Kreativität in der Gesellschaft und was sie sich für den Kreativ-Standort Deutschland wünscht.

Frau Brauburger, Sie sind als Kreativ-Koachin tätig. Helfen Sie mir auf die Sprünge: Was verbirgt sich genau hinter dieser Berufsbezeichnung?

Wir malen keine bunten Bilder. Es geht nicht darum, künstlerisch tätig zu sein. Ich verstehe die Aufgabe eines Kreativ-Koachs darin, eine kreative Ausdruckweise oder eine Sprachform für einen Menschen zu finden. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch kreativ ist. Nicht jeder ist ein Künstler, ein High-Performer, aber jeder trägt Kreativität in sich. Und darum zu wissen, ist eine ganz starke Ressource. Schöpferisch sein, Ideen zu generieren und diese umzusetzen, um die Ecke zu denken und Grenzen zu überwinden: In dieser Hinsicht können wir von den klassisch kreativ denkenden Menschen viel lernen.

Wieso ist es für viele Menschen schwierig, ihre Kreativität zu zeigen? 

Wir haben alle tief in uns eine kreative Spiritualität. Sie kommt vielen Menschen aber mehr und mehr abhanden. Meistens beginnt das am Ende der Grundschulzeit. Durch Prägung, durch Statussymbole, durch Erziehung oder Vorbilder. Es kommt ganz darauf an, ob man als Kind auch mal über den Rand malen durfte oder ob es alles genau so und so sein muss. Ich will dem linearen Denken entgegentreten. Es entspricht dem Menschen, frei zu denken und zu gestalten. Keine Innovation ohne Kreativität. Punkt.

Es stehen viele Veränderungsprozesse an. In der Gesellschaft, aber auch in Unternehmen. Etwa durch die Digitalisierung. Wie kann Kreativität positiv auf diese Transformation einwirken?

Die alten Strategien und Managementmethoden helfen nicht mehr. Ich denke zwar schon, dass es jemanden braucht, der führt und sagt, wo es lang geht. Gleichzeitig muss aber auch ein Raum geschaffen werden, in dem Vertrauen entsteht und explizit erlaubt wird, um die Ecke zu denken und Fehler machen zu dürfen.

Wie sehen Sie Ihre Aufgabe in dieser Transformation?

Ich bringe kreatives Denken dorthin, wo es fehlt. In Führungsetagen oder bei Entscheidungsprozessen von größeren Teams. Generell begleite ich Menschen, die sich in Veränderungen, Umbrüchen oder Krisen befinden – arbeite auch mit JVA-Häftlingen zusammen. Ich möchte Persönlichkeiten entfalten, gehe mit den Menschen dorthin, wo sie neu denken können.

Ist Kreativität messbar?

Ja, absolut. Kreativität ist nicht nur das Sahnehäubchen, man kann sie sichtbar machen. Unternehmen können sich fragen: Wie viele Ideen hatten wir diesen Monat? Wie viele haben wir davon umgesetzt? Wie reagieren unsere Kunden darauf? Was hat uns das an Umsatz gebracht? Es gilt, Kreativität wirklich an Zahlen zu messen, und nicht einfach nur zu sagen: Heute sind wir mal kreativ, stellen einen Obstkorb und einen Tischkicker auf.

Seinen Status als wichtige Innovationskraft scheint Deutschland zu verlieren. Andere Länder sind uns bereits einen Schritt voraus. Was würden Sie sich für den Kreativ-Standort Deutschland wünschen?

Im Singapur der 1960er- und 70er-Jahre hat man Kreativität als das höchste Gut an den Schulen angesehen. Wir sehen, wo wir im Vergleich mit diesem fortschrittlichen Land heute stehen. Ich bin ein Kritiker unseres Schulsystems. Schüler bekommen keine Räume mehr, um sich selbst zu entfalten. Stattdessen gibt es straffe Lehrpläne, die keinen Platz für Individualität lassen. Wir brauchen Resilienzschulung und Charaktertraining – so etwas gibt es beispielsweise in England. Vor Jahren hat man Kohorten nach Dänemark geschickt, um sich von dem dortigen offenen Schulsystem etwas abzuschauen, zerschellt ist das jedoch mal wieder an den Klippen unseres föderalen Bildungssystems.

Welche Folgen hat eine kreativere Lebensweise für den Menschen?

Man wird selbstbewusster, mutiger, entscheidungsaktiver und weniger abhängig von anderen Menschen. Es ist eine Bestätigung für die eigene Persönlichkeit herauszufinden, worin die eigene Individualität liegt. Dieser Prozess berührt viele Menschen zutiefst. Eine Studie besagt, dass 80 Prozent der Weltbevölkerung sagen, dass es gut ist, kreativ zu sein. Nur 30 Prozent sehen sich selbst aber als kreativ an. In Deutschland sind es sogar nur zwischen 25 und 28 Prozent.

Apropos abhängig sein: Die Künstliche Intelligenz (KI) greift immer mehr in unseren Alltag ein. Lässt die KI die eigenständige Kreativität eines Menschen überhaupt noch zu?

KI ist für mich selbst ein Sparingspartner geworden, gerade als Solopreneur. Aber es braucht das Denken im Vorfeld: Was will ich eigentlich? Was sind denn meine Gedanken? Man sollte nicht einfach bei Chat-Gpt eingeben: Gib mir mal eine Idee für meinen Kreativ-Workshop. Auf einmal spuckt die KI dann etwas aus und man denkt sich: Gut, das könnte ich eigentlich so machen. Dann gibt man das Zepter ab und kommt an den Punkt des Reagierens statt des Agierens. Es braucht Disziplin bei der Nutzung: KI kann wertvoll, aber auch sehr negativ sein.

Das Interview führte Johannes Lahr/ Allgemeine Zeitung/ VRM

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Kreative Grüße, Inge

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